20 Jahre Bonn-Berlin-Beschluss

„Von der Bundeshauptstadt zur Boomtown?! – 20 Jahre Bonn/Berlin-Beschluss“

Die Koalition von CDU und Grünen im Bonner Stadtrat hat am 14. Juli 2011 den Doppelhaushalt 2011/12 verabschiedet. Dabei stand für die CDU die Verhinderung des Schreckgespenstes eines Nothaushaltes im Vordergrund. Wenn man es rein finanzwirtschaftlich betrachtet, dann ist Bonn von einer Boomtown noch weit entfernt.

Doch um ehrlich zu sein, ist Bonn, trotz haushalts- und finanzpolitischer Probleme, in bestimmten Bereichen eine echte Boomtown – zum einen dank der vergangenen Ausgleichszahlungen sowie einer florierenden Wirtschaft, zum anderen dank einer Politik, die seit der Entscheidung vor 20 Jahren ein klares Ziel vor Augen hatte: Bonn zukunftsfähig und nachhaltig neu aufzustellen.

Die Entscheidung für Berlin und gegen Bonn war vor zwanzig Jahren nicht so vorhersehbar, wie es aus heutiger Sicht erscheinen mag. Dementsprechend knapp war damals die Entscheidung im Bundestag auch ausgefallen. Nachdem jedoch der erste Schock verflogen und der „Trostpreis“ eines sozialverträglichen Teilumzuges beschlossen war, haben sich die Bonner Kommunalpolitiker ihrer Chancen für die Region besonnen.

Wie sollte Bonn in 20 Jahren aussehen? Wie sollte Bonn sich als kleine Großstadt in einer immer schneller zusammenwachsenden Welt behaupten? Welche Schwerpunkte und Markenzeichen sollte Bonn besetzen? Schließlich, wie sollten die Ausgleichszahlungen sinnvoll und nachhaltig eingesetzt werden?

Bonn hat sich nach dem beschlossenen Umzug schnell eine klare Strategie für die Zukunft gesetzt und diese kontinuierlich verfolgt. Zukunftsfähige Themenschwerpunkte sollten, damals, wie heute, das Markenzeichen der Stadt werden. Wissenschaft, Kultur, Internationalität, „Bundesstadt“ sowie eine investitionsfreundliche, zukunftsorientierte Wirtschaft sind nur einige wichtige Merkmale!

Gerade diese Markenzeichen waren Grundlage bei der Ausarbeitung des Bonn/Berlin-Beschlusses und wurden federführend von christdemokratischen Kommunalpolitikern, wie Oberbürgermeister Hans Daniels und Oberstadtdirektor Dieter Diekmann, umgesetzt.

„Die Zukunft soll man nicht voraussehen wollen, sondern möglich machen“, sagte einst der Schriftsteller Antoine de Saint Exupery. Dieser Satz war entscheidend für die christdemokratische Politik zu Beginn der 90er Jahre in Bonn.

Tagesschau am 20. Juni 2011

Die politische und wirtschaftliche Weichenstellung war nach dem Bonn/Berlin-Beschluss ein gelungener Wille zu einem umfassenden Strukturwandel in allen Bereichen des Öffentlichen Lebens. Dabei spielten für die Gestalter des Beschlusses die reinen Stadtgrenzen keine Rolle, wollte man doch einen Strukturwandel für die Region umsetzen.

Für die Weichenstellung war vor allem der Zeitfaktor wichtig! Daher wurden Projekte, wie die Errichtung der Hochschulen und der Forschungseinrichtungen, wie ZEI und ZEF, forciert geplant und konnten schon 1995/1996 ihren Betrieb beginnen. Damit konnte ein heute so oft diskutierter, damals immanent gefährlicher Rutschbahneffekt verhindert werden.

Werfen wir noch einmal einen Blick zurück in die Vergangenheit: Wenn man sich die Silhouette der Hauptstadt Bonns vor 20 Jahren vor Augen führt, so hatte Bonn als Hauptstadt ein Wahrzeichen, das unser Bild der Hauptstadt prägte. Der Lange Eugen – er war Sinnbild des alten Bonn. Schon lange hat die Wirtschaft dem Langen Eugen einen großen Bruder an die Seite gestellt und mit dem Posttower einen neuen architektonischen Schwerpunkt gesetzt.

Nicht mehr der Bund alleine, sondern vielmehr auch die regionalen Unternehmen haben dabei Bonn und der Region ihren Stempel aufgesetzt. Neben den beiden DAX-Schwergewichten sowie deren Tochterunternehmen etablierten sich neue und alt-ansässige Unternehmen. Mit Solarworld, Vapiano, Haribo oder Verpoorten konnte der Wirtschaftsstandort verbessert werden – wobei der „Kampf“ um und mit den „Großen“ immerwährend ist. Auch der Lange Eugen hat seine neue Bestimmung gefunden, beheimatet er nun die Vereinten Nationen und steht mittlerweile für das neue Bonn.

Bonn hat sich gewandelt, manchmal ist die Fassade immer noch dieselbe, aber der Kern ein völlig anderer! Was waren die Schwerpunkte des Strukturwandels, von dem wir heute profitieren. Beschränken wir uns dabei auf vier Gebiete, die unter den Begriffen Wissenschaft und Forschung, Internationale Stadt, Entwicklungspolitik und Beethovenstadt summiert werden.

Wissenschaft und Forschung in Bonn und der Region: Die Hochschule Bonn-Rhein-Sieg feierte im letzten Monat bereits ihr 15-jähriges Jubiläum. Sie ist mit ihren drei Standorten ein wichtiger wissenschaftlicher Faktor, ergänzt sie doch das Studienangebot der Bonner Universität. Zudem ist die Fachhochschule das größte Einzelprojekt des Bonn/Berlin-Beschlusses. Sie ist ein gelungenes Beispiel für nachhaltige Investitionen. Für Bonn exemplarisch herauszuheben sind das Forschungszentrum für Neurowissenschaften „caesar“, das Zentrum für Entwicklungsforschung und das Zentrum für Europäische Integrationsforschung.

Von der Diplomatenstadt zur Internationalen Stadt - Bonn ist seit 1996 UN-Stadt mit Schwerpunkt im Umwelt- und Nachhaltigkeitsbereich. Bisher sind 18 Organisationen, Büros und Programme der Vereinten Nationen mit ca. 850 Mitarbeitern in Bonn ansässig. Ziel ist es, mittelfristig durch den Gewinn weiterer Referate, auf 1.000 Angestellte aufzusteigen. Hier galt es, den Organisationen ein passendes Umfeld zu bieten. Insbesondere der Erhalt des BMU in Bonn wurde bei den Diskussionen mit der UN um den deutschen Standort als wichtig erachtet.
Das WCCB sollte und wird, vor allem im Hinblick auf die Vereinten Nationen, einen weiteren Standortvorteil bieten. Deshalb muss das WCCB, sobald es geht, spätestens bis Sommer 2013 fertig gestellt sein. Ohne WCCB wird sich der UN-Standort Bonn nicht behaupten.

Neben den Vereinten Nationen soll Bonn als nationales, wie internationales Zentrum der Entwicklungspolitik etabliert werden. Erst zu Beginn des Jahres wurde mit der Implementierung der neugeschaffenen Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit in Bonn und Eschborn ein weiterer wichtiger Eckpfeiler der Entwicklungspolitik vor Ort gestärkt. Gerade in diesem Bereich sind zahlreiche NGO’s aktiv und bereichern die Stadt.

Bonn war als Hauptstadt, trotz des Kölner-Kultur-Soges, ein eigenständiges kulturelles Schwergewicht. Das vielfältige Angebot der Beethovenstadt konnte, trotz des Umzuges, weiter beibehalten werden. Obwohl finanz- und haushaltspolitische Spielräume immer enger wurden, blieb den Bürgerinnen und Bürgern ein hohes Maß an Qualität erhalten.
Diese Stärkung Bonns in den vier Bereichen stellte sich als wahrer Standortvorteil heraus. Die Erfolge des gelungenen Strukturwandels kann man heute in vielerlei Hinsicht belegen. Ein wichtiger Indikator für den Wandel und das Potential einer Stadt sind seine Einwohner! Nicht nur die reine Anzahl, sondern auch die Zufriedenheit der Bürger, ist dabei wichtig.

Während Berlin, trotz des Umzuges, nicht den erwünschten Bevölkerungszuwachs erfuhr und auch die Prognosen keinen Anstieg erwarten lassen, sagen die Vorhersagen in Bonn mittel- bis langfristig einen Bevölkerungszuwachs bis 2025 auf über 340.000 Einwohner voraus. Die Einwohnerzahl hat sich von 310.000 im Jahr 1991 bis heute um über 8.000 erhöht.
Dass Bonn in dem Bereich eine positive Ausnahme darstellt, zeigt sich beim beispiellosen Bevölkerungswachstum der letzten Jahre und den Prognosen der Landesstatistik IT.NRW – nicht nur durch Zuzug, sondern auch durch einen Geburtenüberschuss! Bonn ist eine junge Stadt. Dies zeigt sich beim hohen Anteil der Altersgruppe der 0-5 Jährigen, der 2010 mit 18.392 Einwohnern den höchsten Stand seit 1993 erreicht hat.

Die Zufriedenheit der Bürger leitet sich nicht nur von der Familienfreundlichkeit, der Anzahl von Schulen und Kitas, der Sicherheit oder dem kulturellen Angebot einer Stadt, sondern vor allem von der Arbeitsmarktsituation in der Region ab.

Sichere und qualifizierte Arbeitsplätze, die krisenfest Planungssicherheit für Familien schaffen, sind der beste Garant für die Zufriedenheit der Bürgerinnen und Bürger.

Schwerpunkt in der Region Bonn/Rhein-Sieg ist der Dienstleistungssektor – Damals wie heute! Dieser Bereich erwirtschaftet in Bonn 83 Prozent der gesamten Bruttowertschöpfung. Das produzierende Gewerbe trägt rund 16 Prozent bei, während Primärsektor unter 1 Prozent liegt.

Bonn fördert gut ausgebildete Bürgerinnen und Bürger für einen funktionierenden Arbeitsmarkt! Die enge Vernetzung von Wirtschaft und Wissenschaft in Bonn, wie zum Beispiel in der Informations- und Kommunikationswirtschaft oder dem Gesundheitssektor, garantieren, dass Unternehmen, genauso wie Berufseinsteiger, einen passenden Gegenpart finden.

Dies kann einfach belegt werden: Im Städteranking sticht die Bundesstadt mit 23,6% der Arbeitnehmer mit Hoch- oder Fachhochschulabschluss nicht nur in der Region heraus – der Durchschnitt in Deutschland liegt bei 10,4%. Auch bei den Ausbildungszahlen hat die Region Bonn/Rhein-Sieg den Umzug klar verschmerzt. Mit einem Anstieg um 35% auf über 2.300 Ausbildungsstätten und einem plus von 20% auf über 8.000 Ausbildungsverträgen p.a. konnte in den letzten 20 Jahren die Situation verbessert werden.

Hier nun einige Kernzahlen. Die Ergebnisse des Arbeitsmarktes in Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis sind schon seit langem besser, als die Zahlen für NRW. Im abgelaufenen Monat Juni weisen die Zahlen mit 6,2 % die niedrigste Arbeitslosenquote seit 20 Jahren auf!

Zudem ist der Stellenzuwachs auf dem höchsten Stand seit 2007. Am Monatsende Juni waren noch 4.119 offene Stellen im Wirtschaftsraum Bonn/Rhein-Sieg verfügbar.

In den vergangenen zehn Jahren ist in der Wirtschaftregion Bonn/Rhein-Sieg die Zahl der Betriebe um mehr als 10.000 angestiegen. Die IHK Bonn/Rhein-Sieg verzeichnete zum 31.12.2009 mit 53.969 Mitgliedsunternehmen einen neuen Höchststand.

Seit dem Bonn/Berlin-Beschluss im Jahr 1991 stieg die Zahl der Unternehmen um mehr als 20.000. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze hat sich in den letzen 20 Jahren von 137.000 auf 154.000 erhöht.

Bestätigt werden die positiven Tendenzen der Wirtschaft in unserer Region durch die Zahlen für Unternehmensinsolvenzen und Neugründungen im vergangen Jahr 2010. Während die Zahl der Unternehmensinsolvenzen auf NRW-Ebene um 5,7 Prozent zugenommen hat, sind die Zahlen für Bonn rückläufig.

Das aktuelle Konjunkturklima setzt seinen Höhenflug zum Frühsommer 2011 nach einer Umfrage der Industrie- und Handelskammer weiter fort. Die Betriebe knüpfen wieder an das Boomjahr 2007 an. Das konjunkturelle Hoch ist, sowohl im Exportgeschäft, als auch in der Binnenwirtschaft, angekommen. Laut IHK macht sich die Euphorie auch in den Beschäftigungsabsichten bemerkbar. 21,6 Prozent der Betriebe werden mehr Personal einstellen, 69,1Prozent nehmen keine Änderungen in ihrer Belegschaft vor. Nur 9,3 Prozent tendieren dazu, Stellen abzubauen.

In den letzten 20 Jahren hat sich auf dem Bonner Wohnungsmarkt viel getan. Anfang der 90er Jahre lag der Wohnungsbestand bei ca. 140.000.

Gerade nach dem Umzugsbeschluss rechnete man mit einem großen Leerstand von Büroflächen und einem Überangebot bei privaten Immobilien speziell in bestimmten Stadtteilen wie zum Beispiel dem Regierungsviertel– dies war und ist nicht der Fall! Vielleicht blieben einige ehemalige Botschaften lange leer – dies lag oftmals aber an den schwierigen Besitzverhältnissen – wie im Falle Ex-Jugoslawiens!

Insbesondere in den ersten 10 Jahren nach dem Hauptstadtbeschluss erlebte der Wohnungsmarkt einen wahren Bauboom. Schon 2001 war der Bestand um 15.000 gewachsen und dieser Trend geht weiter – Ende 2010 hatte der Wohnungsstand mit 162.000 einen neuen Höchststand erreicht. Und im ehemaligen Regierungsviertel arbeiten heute mehr Menschen als noch 1991!

Die Preise für Mieten und Immobilien bleiben auf einem sehr hohen Niveau! Bei einem Städteranking über den besten nationalen Immobilenstandort von der “Deutschen Gesellschaft für Immobilienfonds“ erreichte Bonn einen respektablen vierten Platz von 68 teilnehmenden Großstädten.

Trotz des wirtschaftlichen Wachstums der letzten 20 Jahre musste die Wohn- und Lebensqualität nicht leiden! Die Katasterflächen für Grünanlagen in Bonn wuchsen zwischen 1993 und 2009 um über 12%. Dies trägt mit dazu bei, dass Bonn lebenswert ist!

Abschließend noch Aussagen zur Frage: „Ist Bonn eine Boomtown?“:
Die WELT berichtet in ihrer Ausgabe vom 30. Juni, München sei eine Boomtown! Als wichtigste Indikatoren führen die Autoren die Kaufkraft und die Arbeitslosenquote an – als negative Begleiterscheinung die unbezahlbaren Miet- und Immobilienpreise. Lege ich die gleichen Wirtschaftsindikatoren für Bonn zugrunde, bleibt nur eine Schlussfolgerung – Bonn ist eine bezahlbare Boomtown!